Journalisten gehören, das hören sie immer wieder, zu den am meisten verachteten Berufsgruppen überhaupt. Allerdings glauben sie das nicht. Insofern war das auch nie ein Anlass, etwas an ihrer Arbeit zu ändern. Dass selbst in den Online-Angeboten hoch respektierter Zeitungen in den Kommentarspalten oft rüde Kritik geübt wird, hat viele Kollegen in den letzten Jahren eher dazu verleitet, das Internet zu meiden oder Leser im Allgemeinen für nerviges Pack zu halten. Diskussionen zwischen Autoren vor allem von Print-Geschichten und ihren Lesern sind nach wie vor selten, und selbst Online-Redaktionen beachten die Kommentarspalten regelmäßig nicht. Nicht einmal Fehler, auf die in den Kommentarspalten hingewiesen wird, werden in Geschichten verbessert. Jede andere Branche, die derart ignorant mit ihren Kunden umginge, würde nicht nur untergehen, sondern auch noch von der Presse zerrissen.
Ich habe in den letzten Wochen eine Geschichte machen können, die in der Form ein Experiment war. Bei der (unglücklich betitelten) “Livereportage” konnten Leser die Entstehung der Geschichte verfolgen und bereits dort kritisieren. Und das haben sie getan. Bezeichnenderweise drehen sich danach sehr viele Gespräche, die ich führe, um diese Kritik. Ich werde manchmal fast schon bemitleidet. Und das ist, wenn man es genau betrachtet, bizarr: Das Sammeln von Erkenntnissen und Erfahrung ist das Ziel von Experimenten, die ergebnisoffen geführt werden, und umfangreiche Kritik ist wahrscheinlich der direkteste Weg, den wir dorthin haben können. Ein echtes Problem wäre zu wenig Kritik.
Ich glaube, dass unsere Einstellung zu Kritik, namentlich die oft fehlende Bereitschaft von Medienschaffenden, auf Kritik einzugehen und aus ihr zu lernen, doppelt schädlich ist. Zum einen verhindert sie, dass unsere Produkte besser werden, und zwar besser für die, die sie konsumieren. Und das sind die, die zählen. Zum zweiten wirkt die Einstellung aber auch noch arrogant — vielleicht auch deshalb, weil sie es oft genug einfach ist. In jedem Fall zementieret sie den Graben zwischen Konsumenten und Medienschaffenden, der wie ein Burggraben wirkt, hinter dem Journalisten und Verlage ihre schwindenden Pfründe verteidigen. Aber funktionieren wird das nicht ewig.
Anstatt ein Modell zu verteidigen, das dazu geführt hat, dass unser Beruf zu den meistverachteten der Republik gehört, lohnt es aus meiner Sicht, in die Offensive zu gehen und Modelle auszuprobieren, die es ermöglichen, die systemrelevante Dienstleistung Journalismus erfolgreich und einträglich zu erbringen. Denn Journalismus an sich ist in seiner Wertigkeit unumstritten. Aus der Kritik zum Beispiel an meiner Livereportage kann man auch lesen, dass dem Journalismus im Prinzip sogar gigantische ethische Prinzipien unterstellt werden. Die Vorstellungen davon, welche Kriterien der Qualitätssicherung Verlage haben, sind manchmal bizarr übertrieben. Der Glaube an bestimmte Medienmarken genauso. Nur eben das Vertrauen in einzelne Journalisten eben nicht. Was aus meiner Sicht bedeutet, dass der einzelne Journalist transparenter, öffentlicher, erreichbarer und kontrollierbarer werden muss. Die Antwort auf Kritik, auch unsachliche und sogar ausfällige Kritik kann nicht sein, sich der Kritik zu entziehen. Sie muss im Gegenteil dazu führen, dass wir uns erst recht der Kritik aussetzen, um sie durch unsere offene und kontrollierbare Arbeit zu entkräften. Das wäre ganz nebenbei auch die einzige Möglichkeit, den bisher oft nur behaupteten Qualitätsvorsprung von Profis gegenüber den User-Journalisten zu belegen, wenn es ihn denn tatsächlich gibt.
Kritik ist kein Problem, sondern im Gegenteil die größte Chance des Journalismus in der Übergangsphase, wie wir ihn erleben. Denn Kritik bedeutet auch, dass da Menschen engagiert sind in der Debatte, dass sie uns ihre in der Masse riesige Weisheit überlassen und von uns im Gegenzug zu ihrer Zeit und Energie nur eins verlangen: Respekt.
Journalisten gehören, das hören sie immer wieder, zu den am meisten verachteten Berufsgruppen überhaupt. Allerdings glauben sie das nicht. Insofern war das auch nie ein Anlass, etwas an ihrer Arbeit zu ändern. Dass selbst in den Online-Angeboten hoch respektierter Zeitungen in den Kommentarspalten oft rüde Kritik geübt wird, hat viele Kollegen in den letzten Jahren eher dazu verleitet, das Internet zu meiden oder Leser im Allgemeinen für nerviges Pack zu halten. Diskussionen zwischen Autoren vor allem von Print-Geschichten und ihren Lesern sind nach wie vor selten, und selbst Online-Redaktionen beachten die Kommentarspalten regelmäßig nicht. Nicht einmal Fehler, auf die in den Kommentarspalten hingewiesen wird, werden in Geschichten verbessert. Jede andere Branche, die derart ignorant mit ihren Kunden umginge, würde nicht nur untergehen, sondern auch noch von der Presse zerrissen.
Ich habe in den letzten Wochen eine Geschichte machen können, die in der Form ein Experiment war. Bei der (unglück
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Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die griechischen Behörden behandelten den Fall lange Zeit als Selbstmord, und die Mutter hatte erstens den Eindruck, es gäbe sehr viele Hinweise darauf, dass ihre Tochter sich nicht selbst das Leben genommen hat, und zweitens, dass die griechischen Behörden sich nicht ausreichend um die Aufklärung bemühten (und die deutschen Behörden sie nicht genug dahingehend unter Druck setzen). Die Mutter schrieb mir, weil sie sich seit drei Jahren an praktisch jeden wendet, der auch nur entfernt mit Griechenland zu tun hat. Sie nutzt, und sagt das auch genau so, jede Gelegenheit, um neue Bewegung in die Untersuchungen zu bringen.
Ich habe ihr freundlich geantwortet, wie leid mir das alles tut. Ich bin selbst Vater von zwei (allerdings noch sehr kleinen) Mädchen, und selbst wenn ich den Schmerz nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann, jagt allein die Vorstellung, ein Kind zu verlieren, kalte Schockstöße des Horrors meine Wirbelsäule hinab. Um ganz ehrlich zu sein, meine Grundstimmung war die: Ich habe unendliches Mitleid mit der Familie. Aber ich habe meine berufliche Laufbahn erstens als Polizeireporter begonnen und weiß, dass solche Albtraum-Erlebnisse die Urteilsfähigkeit schwächen können. Und ich weiß außerdem, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass griechische Behörden den Tod einer Deutschen in Athen nur nachlässig untersuchen. Ich bin in diesem Moment davon ausgegangen, dass die erschütterte Familie ganz einfach nicht wahrhaben will, dass ihre Tochter sich umgebracht hat. Und das fände ich total verständlich.
Allerdings habe ich die Energie der Mutter, Marion Waade, extrem unterschätzt. Sie schrieb mir noch einmal die Eckdaten des Falles rund um den Tod ihrer Tochter Susan (die zum Zeitpunkt ihres Todes knapp 27 Jahre alt war), wir haben telefoniert, und ich habe angeboten, mir zumindest einmal die Unterlagen anzusehen, auch um zu gucken, ob ich ihr mit meinem Bauerngriechisch irgendeine Unterstützung sein kann (mein Bauerngriechisch ist allerdings mit – teilweise handschriftlich verfassten – juristischen Unterlagen völlig überfordert). Und es ist ein Berg von Unterlagen – faul waren die Behörden jedenfalls nicht.
Dabei musste ich allerdings feststellen, dass eine ganze Reihe von Vorwürfen eine Grundlage haben. Das muss nicht heißen, dass sie stimmen, aber es gibt eine ganze Menge Fragen zu stellen. Nur als Beispiel, und um zu verdeutlichen, wo meine Überlegungen anfangen: Susan Waade soll sich erhängt haben, aber im Sitzen. Sie ist nach Ansicht der Polizei nicht von einem Hocker oder einer Kiste gesprungen, sondern hat sich sitzend so in die Schlinge eines aufgeknüpften Wollschals gelehnt, dass sie daran erstickte. Das ist technisch wohl möglich, aber es erscheint einigen Experten als unwahrscheinlich, zumal sie keine Betäubungsmittel genommen und wohl auch keinen Alkohol getrunken hatte. Es bleibt eine Frage zurück.
Und Fragen sind das, worauf Journalisten anspringen. Oder nicht?
Ich bin damals von Frau Waade weggefahren mit dem Versprechen, mir Gedanken zu machen. Und das habe ich getan. Und dabei stößt man sehr schnell auf ein Problem. Denn in Wahrheit springt der Journalismus längst nicht mehr auf Fragen an, sondern nur noch auf Antworten. Um diese Geschichte zu schreiben, würde ich mich entscheiden müssen und Partei ergreifen, denn wie soll man sonst als Autor diese Geschichte vorschlagen? Die Möglichkeiten sind in Wahrheit begrenzt: “Eine junge Frau wird ermordet und die Behörden schlampen bei den Ermittlungen – Skandal”? Oder als “Eine Berliner Familie glaubt, ihre Tochter ist ermordet worden und verlangt Aufklärung”, menschelnd, traurig, anklagend? Diese Geschichte hat es tatsächlich mehrfach gegeben, die Waades waren zum Beispiel bei Stern TV. Aber es ist eben nur die Hälfte der Geschichte. Warum, fragte ich mich, kann ich nicht die Geschichte vorschlagen: “Eine junge Frau kommt gewaltsam ums Leben, ob Mord oder Selbstmord weiß ich nicht, aber ich würde gerne darüber schreiben, ich würde gerne berichten, ohne dass Ende zu kennen”?
Es fällt für einen Freien wie mich schon schwer, mir eine Redaktion auszudenken, der man so etwas vorschlagen kann. Und das ist aus meiner Sicht ein Verlust für den Journalismus und den Beitrag, den Journalismus zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen kann. Es stellt die Reihenfolge auf den Kopf: Vor allem wir Freien müssten die echte Arbeit machen, bevor wir sie überhaupt für einen Auftrag vorschlagen können, die Recherche bis hin zur These vollendet haben, bevor wir Geld dafür verlangen können. Oder aber, und das ist es, was passiert: Wir müssen eine Geschichte vorschlagen, von der wir nicht sicher sein können, ob sie wahr ist – und stehen hinterher realistischerweise unter dem Druck, die recherchierten Fakten so zu beleuchten, dass wir für den Chefredakteur die Erwartung an die These befriedigen können – denn er hat mit der These seine Ausgabe geplant. Da läuft etwas falsch. Ich hatte also das Gefühl, da wäre eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt, aber die Geschichte hatte eben kein Ende, keine These, keine echte Richtung. Diese Geschichte ist kompliziert, ausufernd, nicht klar zu greifen – genau so, wie das Leben eben ist. Aber der Journalismus nicht.
Ein paar Tage später bin ich mit der Idee aufgewacht, dass das vielleicht schon die Antwort ist. Warum erzählt man diese traurige Geschichte nicht ausufernd und kompliziert, warum gibt man nicht allen Lesern, die es interessiert, die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, ohne sich vorher zu entscheiden? Ohne es vorher in Rahmen zu pressen wie “Skandal” oder “menschliche Tragödie”? Warum berichtet man nicht das, was man herausfindet, während man es herausfindet, egal, wie wichtig oder nebensächlich das jetzt für irgendeine These ist? Das Internet gibt uns die Möglichkeit, warum probieren wir es nicht aus?
Ich habe Timm Klotzek von Neon zu einer unmöglichen Zeit am frühen Morgen eine SMS geschrieben, und er rief ein paar Minuten später zurück. Er mochte die Idee, aber er hatte auch Bedenken. Sie haben es sich bei Neon nicht leicht gemacht und den Vorschlag ein paar Wochen lang hin und her gewendet, denn natürlich hat diese Geschichte viele Anteile, die nach einer boulevardesken Crime-Story riechen, die eigentlich nicht zu Neon und neon.de passt. Umso mehr muss ich mich bei ihnen für das Vertrauen bedanken, dass ich es schaffen könnte, ohne eine billige, sensationsheischende Geschichte daraus zu machen, die Neon mehr schadet als nützt (und die ersten Kommentatoren auf neon.de sind tatsächlich sehr, sehr kritisch deswegen – und das macht die Seite aus meiner Sicht zum besten denkbaren Ort dafür).
Ich habe das noch nie gemacht, ich kenne auch niemanden, der so etwas schon einmal gemacht hat, und dafür gibt es gute Gründe. Der beste ist: Es kann schiefgehen. Es ist ja nichts wirklich geplant. Es gibt kein Script. Und ich kann jeden gestandenen Reporter verstehen, der sich nicht dem Risiko aussetzen will, zehn Tage lang darüber zu berichten, dass er vor verschlossenen Türen steht und dass niemand mit ihm reden will. Aber die Wahrheit ist doch auch: So, wie es heute ist, wo wir nicht wissen, was Journalisten tun, bis sie es uns “herausgeben” – wo wir nicht überprüfen können, welche Informationen sie tatsächlich haben und wie sie sie interpretieren, stehen die Journalisten vielleicht gefühlt besser da, aber ihre Auftraggeber, die Leser, nicht unbedingt.
Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade wahrscheinlich umgebracht wurde, hätte das eine schöne, respektierte Reportage werden können. Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade sich wahrscheinlich selbst umgebracht hat, ihre Eltern es aber einfach nicht wahrhaben wollen, genauso. Und das, obwohl ich nicht weiß, welche Version stimmt, es vielleicht nie wissen werde und trotzdem der festen Überzeugung bin, dass dieses eine Geschichte ist, die es wert ist, erzählt zu werden. Und bei der sich die Leser ihre eigenen Gedanken machen werden, sollen und können.
Bei all dem muss allerdings eine Sache immer im Vordergrund stehen: Es geht um das Schicksal eines Menschen. Und das ist die eine Sache, die ich auf jeden Fall erzählen möchte: Die Geschichte von Susan Waade, einer eigensinnigen, freiheitsliebenden, manchmal starrköpfigen, großherzigen und abenteuerlustigen jungen Sängerin aus Berlin, die nichts mehr liebte als die Musik. Und das allein ist es mehr als wert.
Am 21. geht es los, und zwar hier: www.neon.de/alle/livereportage
Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die griechischen Behörden behandelten den Fall lange Zeit als Selbstmord, und die Mutter hatte erstens den Eindruck, es gäbe sehr viele Hinweise darauf, dass ihre Tochter sich nicht selbst das Leben genommen hat, und zweitens, dass die griechischen Behörden sich nicht ausreichend um die Aufklärung bemühten (und die deutschen Behörden sie nicht genug dahingehend unter Druck setzen). Die Mutter schrieb mir, weil sie sich seit drei Jahren an praktisch jeden wendet, der auch nur entfernt mit Griechenland zu tun hat. Sie nutzt, und sagt das auch genau so, jede Gelegenheit, um neue Bewegung in die Untersuchungen zu bringen.
Ich habe ihr freundlich geantwortet, wie leid mir das all
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Mit Christian Wulff ist nur der zweitbeste Kandidat Bundespräsident geworden, zumindest, wenn man die Meinung der Bevölkerung zugrunde legt – aber was könnte man denn eigentlich sonst zugrunde legen? Irgendetwas muss es da geben, irgendeine Erklärung, an die sich viele der Wahlmänner und -frauen in der Kabine geklammert haben, als sie ein Kreuzchen da gesetzt haben, wo sie wussten, dass es der Souverän – wir, das Volk – nicht haben wollte. Irgendwie müssen sie es sich innerlich schöngeredet haben, anders kann man ja sonst nicht mehr in den Spiegel schauen. Und erstaunlicherweise haben sie damit der Demokratie aus meiner Sicht einen Dienst erwiesen. Denn sie haben gezeigt, dass zwar die politische Klasse des Landes weitgehend vergessen zu haben scheint, was Politik eigentlich ist – aber wir nicht. Und dass das Desinteresse an den Winkelzügen dieser Klasse nicht Politikverdrossenheit ist, sondern Politikerverdrossenheit. Aber wer sagt denn eigentlich, dass wir diese Politiker überhaupt noch brauchen?
Politik ist am Ende nur die Kunst, möglichst große Einigkeit herzustellen. Und wir hatten eine weit gehende Einigkeit: Den Umfragen nach wollten plusminus zwei Drittel der Deutschen Joachim Gauck als nächsten Bundespräsidenten. Und das wiederum – und hier liegt der Knackpunkt – offenbar deshalb, weil sie sich von ihm versprochen hatten, er könne Einigkeit in Deutschland herstellen. Was, wenn man es richtig bedenkt, eine genau so schöne wie bizarre Vorstellung ist: In einem Amt, dessen ganze Gestaltungsmacht darauf beruht, dass man Reden hält, bedeutet die Fähigkeit, Einigkeit herzustellen, ja letztlich nur: Der Mann wäre nach unserer Ansicht in der Lage gewesen, die Dinge so in Worte zu fassen, dass wir festellen, dass wir uns in den meisten Fragen ohnehin einig sind. Genau wie in dem tiefen, berechtigten Glauben an die Macht des Mediums Wort für den Fall, dass wir es in wichtigen Fragen einmal doch nicht sind (auf die Frage, wie er zum Krieg in Afghanistan steht, sagte Gauck “ich ertrage ihn”. Das war für mich nicht nur das Schlaueste, was ich dazu gehört habe, sondern vielmehr meine eigene Haltung, für die ich noch keine Worte gefunden hatte. Das zu hören war für mich einen Moment lang wie nachhause kommen).
In der Welt der Politiker gelten beide Prinzipien in Wahrheit nichts. Im Gegenteil: Anstatt Einigkeit herzustellen, gilt es als karrierefördernd und unumgänglich, Unterschiede “zuspitzen” zu können. Und die Macht des Wortes ist der Fähigkeit gewichen, Zuspitzungen oder teflonartige Nichtpositionen in Soundbytes als Statements für die Tagesschau abzusondern. Es lässt sich ja nicht von der Hand weisen, dass die Wahrscheinlichkeit eher hoch ist, dass selbst aus Philipp Mißfelder im Sinne einer politischen Karriere “noch einmal irgendetwas wird”. Und das liegt nicht unwesentlich an dem, was Politiker als “die Gesetzmäßigkeiten der Medien” verstehen. Die allerdings ändern sich gerade für immer.
Die große, öffentliche und unaufhaltsame Kampagne ganz normaler Menschen, die gefragt und ungefragt ihre Präferenz für ein notorisch langweiliges Amt erklären, zeigt, dass Menschen ein Interesse daran haben, wer sie regiert. Die sinkenden Wahlbeteiligungen zeigen, dass sie allerdings nicht das Gefühl haben, durch Wahlen etwas zu verändern. Dass sich ausgerechnet bei einer Wahl, bei der das Volk gar nicht zur Urne gerufen wird, so viele Menschen emotional oder gar mit Briefen und Online-Kampagnen engagieren, liegt aus meiner Sicht an einer einfachen Tatsache: Durch die besondere Konstellation dieser Bundespräsidentenwahl sah es während eines begrenzten Zeitraumes so aus, als würden die ganz normalen Menschen mit ihren Wünschen tatsächlich gehört werden. Jemand, der seine Meinung irgendwo online veröffentlichte, konnte davon ausgehen, einen winzig kleinen Beitrag zum großen Meinungskanon beizusteuern. Aus denen, die im politischen Betrieb durch die “Gesetze der Medien” eigentlich als Empfänger der Botschaft vorgesehen sind, wurden zu Sendern ihrer eigenen. Das, und nur das, sind neue Medien.
Wie stark diese neuen Sender, wir alle, sind, wenn wir uns einer Sache einig sind, zeigt die Tatsache, dass die Anhänger der alten “Gesetze der Medien” genau das tun mussten, was sie am schlechtesten können, weil es in ihrem Gesetzbuch nicht vorkommt: zuhören. Die Macht der Worte hat sie zumindest dazu gezwungen. Und wenn wir das einmal schaffen, warum nicht immer wieder?
Ich glaube, dass sich letztlich alle Probleme der Medien darauf zurückführen lassen: Sie sollten ein Vehikel des Austauschs von Informationen zwischen Menschen sein. Aber Austausch hat zwei Richtungen, und das sehen die alten Gesetzmäßigkeiten bis heute nicht vor. Dabei brauchen wir nur auf die Qualität von Kommentaren unter Beiträgen im Internet nachzusehen, um das Gesetz der neuen Medien zu lernen: Wenn an dem einen Ende ein Mensch steht, der sich zu erkennen gibt, dann wird der am anderen Ende sich im Regelfall auch benehmen wie ein Mensch. Steht aber an dem einen Ende nur eine Institution, eine Funktion, eine gesichtslose Maschine, führen sich auch Kommentatoren in vielen Fällen in einer Art auf, die weit jenseits ihres alltäglichen Umgangs liegen dürfte.
Für Politiker gilt das neue Gesetz der Medien – der Zwang zum Zuhören – umso mehr, weil wir sie ja überhaupt nur als Medium der Übertragung unserer Wünsche, Lebens- und Gesellschaftsmodelle nach oben in ihre Position gewählt haben. Wer von ihnen, egal wie unbewusst, sich nur als Sender einer Botschaft zu uns versteht, als Institution, der wird es im Zeitalter der neuen Medien bald so unerträglich schwer haben wie die Medienhäuser, die nur in eine Richtung funktionieren – und sie werden möglicherweise nicht einmal wissen, was ihnen zugestoßen ist.
Aber wir wissen, was ihnen zugestoßen ist: wir.
Mit Christian Wulff ist nur der zweitbeste Kandidat Bundespräsident geworden, zumindest, wenn man die Meinung der Bevölkerung zugrunde legt – aber was könnte man denn eigentlich sonst zugrunde legen? Irgendetwas muss es da geben, irgendeine Erklärung, an die sich viele der Wahlmänner und -frauen in der Kabine geklammert haben, als sie ein Kreuzchen da gesetzt haben, wo sie wussten, dass es der Souverän – wir, das Volk – nicht haben wollte. Irgendwie müssen sie es sich innerlich schöngeredet haben, anders kann man ja sonst nicht mehr in den Spiegel schauen. Und erstaunlicherweise haben sie damit der Demokratie aus meiner Sicht einen Dienst erwiesen. Denn sie haben gezeigt, dass zwar die politische Klasse des Landes weitgehend vergessen zu haben scheint, was Politik eigentlich ist – aber wir nicht. Und dass das Desinteresse an den Winkelzügen dieser Klasse nicht Politikverdrossenheit ist, sondern Politikerverdrossenheit. Aber wer sagt denn eigentlich, dass wir diese Politiker überhaupt noch br
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Texte hat es vor “dem Internet” gegeben. Videos hat es vorher gegeben. Radiobeiträge auch. Und bei aller Freude an echt multimedialen Inhalten glaube ich persönlich, dass die journalistischen Möglichkeiten noch nicht im Ansatz so gut genutzt werden, wie sie es könnten. Man kann eine Weile darüber diskutieren, ob das Internet ein Medium ist (ich bin der Überzeugung: nein, es ist ein Marktplatz), aber in jedem Fall bleibt meiner Meinung nach, dass das Netz dem Journalismus noch nicht besonders viel hinzugefügt hat. Wie denn auch, wenn sich die größten Häuser der Branche immer noch weit gehend darauf beschränken, entweder vorhandenen “Content” einfach online zu stellen, oder aber zusätzliche Inhalte zu Preisen zu produzieren, über die gestandene Journalisten lachen müssten, wenn es nicht so traurig wäre. Nein, aus meiner Sicht ist im Netz eigentlich nur eine Sache wirklich neu. Aber die ist so gut, dass sie allein alle Energie wert war, die in die Entwicklung von Online-Journalismus bisher geflossen ist. Es ist die Kommentarspalte.
Natürlich liebe ich die Tatsache, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit in meinem bescheidenen Rahmen alles schreiben kann, was ich will. Und selbstverständlich mag ich lieber dafür gelobt werden, als kritisiert. Aber das hat an meinem Beruf relativ wenig geändert. Erst seitdem ich die Reaktionen auf das, was ich schreibe, als organischen Teil eines Textes betrachte, und das Antworten auf Kommentare als Teil der (in diesem Fall freiwilligen, unbezahlten, aber dennoch) Arbeit, hat sich tatsächlich etwas weiterentwickelt, das unbedingt weiterentwickelt werden musste. Der direkte Austausch mit Lesern, Kritikern, Gegnern und manchmal auch Spinnern hat meiner Meinung nach das Medium Geschriebenes Wort wieder zu einem echten Teil des öffentlichen Diskurses werden lassen, an dem mehr als ein paar Auserwählte teilnehmen. Und das ist wertvoll.
Aber es ist – darum darf man nicht herumreden – unendlich mühsam. Es gibt eine Menge Menschen, mit denen zu diskutieren anstrengend ist, die manche Dinge, die aus Sicht eines Autoren glasklar sind, nicht verstehen wollen oder können, was natürlich genauso gut daran liegen kann, dass sie nicht ganz so klar sind, wie der Autor sie sieht – aber früher hätte er das gar nicht gemerkt.
Das führt aus meiner Sicht nicht unbedingt dazu, dass Autoren durch das direktere Feedback besser werden. Manche sicher, viele nicht. Es hat einen viel direkteren Effekt, der offensichtlich schwer in Worte zu fassen ist, und der deshalb meist negativ umschrieben wird als der Faktor, der macht, dass “klassische Medienhäuser das Internet nicht verstehen”. Und der Satz ist, leider, sehr wahr. Die Kommentarspalte macht deutlich, warum.
Denn die nach unten offene und von überall zugängliche Kommentarspalte zeigt einen im Netz angebotenen Text als das, was er im Print nur unsichtbar war: Als Treffpunkt für eine Vielzahl von Menschen, die sich für Momente Gedanken um das selbe Thema machen. Eben als Knotenpunkt in einem Netz. Während Texte früher nur in eine Richtung abstrahlten, vom Sender zum Empfänger, wie es die klassischen Kommunikationswissenschaften lehren, strahlen die Gedanken heute in jede Richtung, vom Autoren zu Lesern, von Lesern zu Lesern und von Lesern zum Autor. Das Medium ist aus meiner Sicht nicht das Netz, aber das Netz ist der Marktplatz, auf dem das Medium Wort in unendlich viele Richtungen verteilt und zurückgespielt werden kann. Und das wirklich Lustige daran ist: Nur dann macht es wirklich einen Sinn.
Wir haben uns an die Phrase gewöhnt, dass der Buchdruck für die Aufklärung das entscheidende Medium war, aber in Wahrheit ändert das Medium an der Realität der Welt gar nichts. Veränderung gibt es erst, wenn zwei Menschen – in diesem Fall: zwei Aufgeklärte – sich miteinander verbinden, austauschen und so die neue Erkenntnis Realität werden lassen. Ein einzelner Aufgeklärter, der allein zuhause sitzt und liest, hat einen netten Abend. Zwei, die sich erkennen und feststellen, dass sie eine gemeinsame Überzeugung teilen, sind die Keimzelle der Entwicklung der Welt.
Der Sinn, Informationen auszutauschen, besteht darin, seinen Platz in der Welt zu finden, seine Umgebung zu verstehen und sich oder die Umgebung so anzupassen, dass ein Leben daraus wird. Einen Gedanken zu lesen, in zu verarbeiten und für sich selbst zu akzeptieren macht im Kopf des Lesers einen Unterschied. Aber nur da – in einem Paralleluniversum. Wenn Journalismus für sich in Anspruch nimmt, das Handwerk des Beschreibens der Welt zu sein, zum Zwecke der Befähigung der Menschen zum Umgang mit der Welt, dann ist der eigentliche Sinn nicht nur der, Menschen zu informieren. Die Menschen müssen sich über die Informationen erst austauschen, bis sie wirklich sinnvoll werden. Wir sind Stofflieferanten, aber damit Stoff etwas nützt, müssen die Menschen sich Kleider daraus nähen. Aber der Umgang der Häuser, die “das Internet nicht verstehen”, war eben bisher genau gegenteilig: Die Auseinandersetzung in den Kommentarspalten, die Diskussionen, das Kleidernähen aus dem Stoff Information, werden an vielen Stellen immer noch missachtet oder ganz ignoriert. Das ist einigermaßen dämlich.
Ich habe das schon einmal geschrieben, und ich werde mich daran messen lassen: Ich glaube, dass ein Stefan Niggemeier, der einen Artikel schreibt und dafür 953 Kommentare bekommt (bis selbst er ermattet die Kommentarspalte schließen muss), die bessere Medienmarke ist als eine, die 953 Artikel schreibt und dabei nur einen Kommentar bekommt, den sie wirklich liest, beachtet und der sie zum Reagieren verleitet. Und bessere Marke heißt: Den einen wird es in 20 Jahren noch geben. All die anderen nicht.
Texte hat es vor "dem Internet" gegeben. Videos hat es vorher gegeben. Radiobeiträge auch. Und bei aller Freude an echt multimedialen Inhalten glaube ich persönlich, dass die journalistischen Möglichkeiten noch nicht im Ansatz so gut genutzt werden, wie sie es könnten. Man kann eine Weile darüber diskutieren, ob das Internet ein Medium ist (ich bin der Überzeugung: nein, es ist ein Marktplatz), aber in jedem Fall bleibt meiner Meinung nach, dass das Netz dem Journalismus noch nicht besonders viel hinzugefügt hat. Wie denn auch, wenn sich die größten Häuser der Branche immer noch weit gehend darauf beschränken, entweder vorhandenen "Content" einfach online zu stellen, oder aber zusätzliche Inhalte zu Preisen zu produzieren, über die gestandene Journalisten lachen müssten, wenn es nicht so traurig wäre. Nein, aus meiner Sicht ist im Netz eigentlich nur eine Sache wirklich neu. Aber die ist so gut, dass sie allein alle Energie wert war, die in die Entwicklung von Online-Journalismus bisher gefloss
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Wir erleben am so genannten Sparpaket gerade ein Paradebeispiel dafür, wie sehr unser Denken von Metaphern und Verständnisrahmen bestimmt wird – und wie wenig von rationalen Gedanken. Und natürlich, wie diese Tatsache benutzt wird, um Politik durchzusetzen.
Das Wort “Sparen” setzt bei uns eine Kette von Assoziationen in Gang, die seit der kleinsten Kindheit verankert sind. Sparen ist nötig, wenn man etwas möchte, es wird belohnt und ist oft unumgänglich. Vor allem aber ist Sparen immer verbunden mit einem persönlichen Budget: Familien sparen für den Sommerurlaub, einen neuen Fernseher oder, per Bausparvertrag, auf ein Haus. Und wenn eine Familie – gerade eine gern genutzte und kaum hinterfragte Phrase – “über ihre Verhältnisse gelebt hat”, dann muss sie sparen, um das Konto wieder auszugleichen. Das entspricht in den Augen vieler Kommentatoren der heutigen Haushaltssituation der Republik. Zumindest wird es so dargestellt. Und, wegen der tief verankerten Sparmetapher in unserem Unterbewusstsein, quasi instinktiv verstanden.
Das Problem dabei ist, dass der öffentliche Haushalt mit dem privaten Haushalt einer Familie oder eines Unternehmens sehr wenig gemein hat. Wenn wir privat Geld ausgeben, dann ist es für uns weg. Wenn wir als Allgemeinheit aus unserem Staatshaushalt Geld verteilen, dann ist es in einer anderen Tasche, kann aber trotzdem auf vielen Ebenen unserem gemeinsamen Wohlstand dienen. Um nur eine der häufigsten metaphorischen Phrasen zu erwähnen: Es wird gerne angeführt, die Schulden, die wir heute machen, lasteten auf kommenden Generationen. Das ist natürlich überhaupt kein Automatismus, vor allem nicht in einem Land mit einer Sparquote wie der deutschen. Würden die Deutschen, die heute in der Lage sind, Geld zu sparen, dieses Geld über Bundeswertpapiere dem Staat zur Verfügung stellen, dann bekämen sie oder ihre Kinder es im Gegenteil mit Zinsen zurück, während heute davon wichtige Investitionen in die Zukunft getätigt werden könnten. In jedem Fall wird jemand an den Schulden verdienen, warum also nicht wir? Abgesehen davon, dass der Staat sein Geld ja nicht einfach ausgibt, sondern investiert: In Infrastruktur, Bildung oder zumindest – im Falle der Transferleistungen – in die Binnennachfrage.
Sparen ist also nicht gleich Sparen, aber die politische Auseinandersetzung wird sehr bewusst über diese Verständnisrahmen geführt – was man schon daran sieht, dass dieses so genannte Sparpaket mit faktischem Sparen, dem Zurücklegen von Geld für schlechtere Zeiten oder große Anschaffungen, überhaupt nichts zu tun hat.
Die Metapher vom Sparen hat einen erwünschten Nebeneffekt. Wenn man den Staat unterbewusst als privaten Haushalt versteht, der weniger Geld ausgeben muss, weil er eben nicht mehr hat, der findet den Staat in einer Situation, in der er “schmerzhafte Einschnitte” machen muss, wie eine Familie, die ihre jährliche Spende an eine wohltätige Organisation einschränken muss, weil sie das Geld dafür eben einfach nicht hat. So scheint es plötzlich unumgänglich, arbeitslosen, alleinerziehenden Müttern von Säuglingen auch noch die 300 Euro Kindergeld zu streichen, die ihnen nach ordnungspolitischen Gesichtspunkten ja nicht mehr zustehen, seitdem Frau von der Leyen aus dem Erziehungsgeld das Elterngeld und damit einen Lohnersatz gemacht hat. Analog zur Verantwotung einer Familie für ihre privaten Finanzen wird die Verantwortung des Staates (also von uns allen) für seine Finanzen über das gestellt, was eigentlich die Kernaufgabe des Staates ist: Seinen Bürgern die Möglichkeit zu bieten, in Freiheit zu prosperieren, und sie vor den Folgen der großen Lebensrisiken zu schützen.
Das große Problem ist, dass die große Erzählung vom Sparpaket schon nicht mehr diskutiert werden kann, wenn man die Begrifflichkeit und damit die Metapher akzeptiert hat. Innerhalb des Verständnisrahmens Sparpaket sind nur noch Details zu kritisieren, nicht mehr die grundsätzliche Entscheidung darüber, was wir von und mit unserem Staat gestalten wollen. Es fehlen die Worte dafür.
Natürlich ist dieses Sparpaket nicht “gerecht”, und ich kann nicht eine Sekunde lang glauben, dass irgendjemand, der das behauptet, es wirklich denkt. Was für ein unfassbares Arschloch müsste das sein. Wenn wir es analog zu dem Beispiel von der Familie betrachten, die überlegt, welche wohltätige Spende sie in diesem Jahr einspart, dann müsste man sagen, natürlich wäre es zum Beispiel berechtigt, wenn sie weiter für die Minenopfer überweist aber nicht mehr für die missbrauchten Kinder. Aber erstens ist das zwar berechtigt, aber weit von jeder Definition von “gerecht”, und zweitens befinden wir uns schon wieder in einer falschen Metapher: Empfänger von Transferleistungen in Deutschland erhalten keine Spenden, sie bekommen das, was ihnen zusteht, was uns allen in ihrer Situation zustände.
Ihnen das wegzunehmen, weil wir eine Euro- oder was auch immer Krise haben, für die die Bürger Deutschlands am wenigsten können, ist nicht nur ungerecht. Es widerspricht dem Versprechen von dem, was dieses Land ist. Es verleugnet das, was wir von unserem Staat wollen.
Und da ist sie plötzlich, die große Metapher, die niemand zu benutzen wagt gegen das jämmerliche Sparen und Stutzen, gegen die Interessenpolitik der Lobbys. Die Metapher ist Deutschland. Wir alle. Es geht nicht um einzelne Familien, die sich gegen diesen Staat behaupten, sondern darum, dass wir alle gemeinsam mit der Gegenwart umgehen müssen, und das braucht die Bereitschaft von allen. Aber dann ist es nicht einmal mehr eine echte Herausforderung.
Nur so, als Beispiel: Ein Paket von gut 80 Milliarden über drei Jahre bei einer Bevölkerung von gut 80 Millionen benötigt rund 1000 Euro von jedem, also 333 Euro pro Jahr. Das bedeutet, eine Alleinerziehende, die von Hartz IV lebt und in Zukunft die 300 Euro Elterngeld nicht mehr erhält, gibt während eines Jahres für sich und ihr Kind fast doppelt so viel, wie sie innerhalb von drei Jahren müsste – und finanziert damit einen unangetasteten Millionär und sein Kind mit.
Und das kriegen wir nicht anders geregelt? Das ist das, von dem uns Medien erzählen wollen, es wäre gerecht und alternativlos? Das ist Deutschland?
Mein Deutschland ist das nicht. Da bin ich Patriot.
Wir erleben am so genannten Sparpaket gerade ein Paradebeispiel dafür, wie sehr unser Denken von Metaphern und Verständnisrahmen bestimmt wird – und wie wenig von rationalen Gedanken. Und natürlich, wie diese Tatsache benutzt wird, um Politik durchzusetzen.
Das Wort "Sparen" setzt bei uns eine Kette von Assoziationen in Gang, die seit der kleinsten Kindheit verankert sind. Sparen ist nötig, wenn man etwas möchte, es wird belohnt und ist oft unumgänglich. Vor allem aber ist Sparen immer verbunden mit einem persönlichen Budget: Familien sparen für den Sommerurlaub, einen neuen Fernseher oder, per Bausparvertrag, auf ein Haus. Und wenn eine Familie – gerade eine gern genutzte und kaum hinterfragte Phrase – "über ihre Verhältnisse gelebt hat", dann muss sie sparen, um das Konto wieder auszugleichen. Das entspricht in den Augen vieler Kommentatoren der heutigen Haushaltssituation der Republik. Zumindest wird es so dargestellt. Und, wegen der tief verankerten Sparmetapher in unserem Unterbewussts
Tags: Kundenkontakt · Wir sind so
Ich habe persönlich einige Probleme mit der journalistenschulmäßig geforderten Trennung von Nachrichten und Meinungen, weil sie letztlich für utopisch halte. Sprache transportiert nie reine Fakten, und journalistische Sprache schon gar nicht, denn sie soll ja gerade lebendig und assoziativ sein. Rein faktische, korrekte Sprache braucht es eher, wenn es darum geht, Gesetzestexte so zu formulieren, dass eine Vielzahl von verschiedenen Fällen unter ihnen subsummiert werden kann. Und Gesetzestexte sind im Regelfall nicht besonders leserfreundlich.
Insofern habe ich kein Problem damit, wenn Medien ihre Meinung in nachrichtliche Berichte einfließen lassen. Im Gegenteil, ich finde es befreiend, wenn zum Beispiel der Economist Sachverhalte in einem Satz zusammenfassen kann, weil er gar nicht versucht, alle Argumente in einem Konflikt aufzuzählen, sondern schlicht und einfach Position bezieht.
Im Fall des aktuellen, als historisch verkauften Sparpaketes der Bundesregierung müssen Medien in Deutschland Stellung beziehen, weil es tatsächlich einen Riss quer durch unsere Gesellschaft zieht. Und wie gewohnt tut das niemand mit mehr Verve als die Bild-Zeitung, die in einem Beitrag erst gar keine Zweifel aufkommen lässt: “Darum ist das Sparpaket gerecht”* heißt die Geschichte, und sie endet mit der Zusammenfassung:
Im Klartext: Es geht vor allem um Sozialleistungen, die entweder nicht das erreichen, was sie erreichen sollen, oder die Zusatzleistungen aus besseren Zeiten. Sie zu streichen, soll nicht gerecht sein? Lachhaft.
Demnach kann man Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld ruhig streichen, weil es schließlich als Ersatz für Arbeitslohn gedacht war, genau wie Hartz IV an sich schon. Und das ist ordnungspolitisch tatsächlich ein sauberes Argument. Dazu muss man der Meinung sein, dass die Hartz-IV-Sätze auch für Kinder ausreichen, aber auch das kann man irgendwie vertreten. Darum geht es mir hier nicht. Ich bin erstaunt über die Vokabel “lachhaft”. Denn ich hatte bisher zwei nicht besonders gut durchdachte Halbüberzeugungen.
Die erste ist: Bild wird im Zweifel das schreiben, was die Mehrheit der Menschen hören wollen. Und zweitens werden sie ihre Menschenverachtung immer genau so schlau verbrämen, dass man sie ihnen nicht direkt vorhalten kann. Aber offensichtlich braucht der Bild-Schützling Guido Westerwelle inzwischen direktere Unterstützung.
Eine Frau, die ein Kind bekommt und von Hartz IV abhängig ist, braucht Hilfe. Ihr diese Hilfe zu gewähren ist ein Gebot der Menschlichkeit und etwas, auf das eine Gesellschaft stolz sein kann. Ihr einen Großteil davon zu streichen kann in bestimmten Haushaltssituationen selbstverständlich unumgänglich sein, aber darauf zu bestehen, dass es “gerecht” ist und jede Gegenposition “lachhaft”, ist nichts als menschenverachtend. Ich muss zugeben, dass mich zwar die Position der Bild in diesem Fall nicht erstaunt, wohl aber die Offenheit, mit der sie vertreten wird.
Die große Linie ist nicht geheim: Bild bezeichnet Vorschläge zur Erhöhung des Spitzensteuersatzes als “Schröpfen” von Reichen und lässt den unerträglichen Ernst Elitz passend kommentieren:
Das ist der gute Deutsche: Er rackert, alles gelingt ihm, er hat Achtung vor seinem Nachbarn.
Auf ihn sind wir stolz!
In den Parteizentralen hingegen säßen Prototypen des “hässlichen Deutschen”, die anderen ihren Erfolg nicht gönnten.
Der gute Deutsche, der rackert. Der Arbeitslose, dem mehr zu geben als den Sozialhilfesatz, nur weil er ein Neugeborenes zu versorgen hat, nicht gerecht ist, sondern allein der Gedanke daran “lachhaft”. Ich hatte das in dieser Schärfe nicht erwartet, und ich glaube, dass diese Art der Diskussion – die nicht mehr fragt nach Notwendigkeiten der Haushaltspolitik, sondern die trennt nach guten Deutschen, auf die wir stolz sind, und schlechten Deutschen, die nur faul die Hand aufhalten – einen Keil in das Land treibt.
Allerdings auch zwischen bild.de und seine Leser: In der Abstimmung direkt unter dem eindeutigen Artikel bewerten bis jetzt 61 Prozent von angeblich 180000 Abstimmenden das Sparpaket als ungerecht.
*Dass die Überzeugung in Wahrheit nicht einmal in der Redaktion von bild.de flächendeckend vertreten ist, sieht man an der URL des Beitrages: http://www.bild.de/BILD/politik/2010/06/08/merkels-milliarden-sparpaket-wie-gerecht/ist-es-wirklich.html. Der letzte Teil deutet darauf hin, dass die Titelzeile einmal als Frage formuliert war: “Ist es wirklich ungerecht?” Oder so.
Ich habe persönlich einige Probleme mit der journalistenschulmäßig geforderten Trennung von Nachrichten und Meinungen, weil sie letztlich für utopisch halte. Sprache transportiert nie reine Fakten, und journalistische Sprache schon gar nicht, denn sie soll ja gerade lebendig und assoziativ sein. Rein faktische, korrekte Sprache braucht es eher, wenn es darum geht, Gesetzestexte so zu formulieren, dass eine Vielzahl von verschiedenen Fällen unter ihnen subsummiert werden kann. Und Gesetzestexte sind im Regelfall nicht besonders leserfreundlich.
Insofern habe ich kein Problem damit, wenn Medien ihre Meinung in nachrichtliche Berichte einfließen lassen. Im Gegenteil, ich finde es befreiend, wenn zum Beispiel der Economist Sachverhalte in einem Satz zusammenfassen kann, weil er gar nicht versucht, alle Argumente in einem Konflikt aufzuzählen, sondern schlicht und einfach Position bezieht.
Im Fall des aktuellen, als historisch verkauften Sparpaketes der Bundesregierung müssen Medien in Deutschland St
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Die Journalisten Christian Frey und Kai Schächtele sind auf eigene Faust (und auf eigene Rechnung) unterwegs von Kapstadt nach Johannesburg und werfen einen Blick hinter die Kulissen der WM. Darüber berichten sie auf ihrem Blog “Die WM – Ein Wintermärchen?”, unter anderem in großartigen Audio-Slideshows. Es ist großartig. Und hat, nebenbei, verdient, dass man die beiden mit einer Spende unterstützt, damit sie die Kosten wieder rauskriegen (und hoffentlich noch ein bisschen mehr).
Die Journalisten Christian Frey und Kai Schächtele sind auf eigene Faust (und auf eigene Rechnung) unterwegs von Kapstadt nach Johannesburg und werfen einen Blick hinter die Kulissen der WM. Darüber berichten sie auf ihrem Blog "Die WM – Ein Wintermärchen?", unter anderem in großartigen Audio-Slideshows. Es ist großartig. Und hat, nebenbei, verdient, dass man die beiden mit einer Spende unterstützt, damit sie die Kosten wieder rauskriegen (und hoffentlich noch ein bisschen mehr).
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Großmeister Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de, macht über seinen Blog eine Umfrage unter bloggenden Journalisten. Da fühle ich mich angesprochen. Auch deshalb, weil er mich darauf angesprochen hat. Und weil selbst ich nicht machen kann, dass der VfL Bochum ordentlichen Fußball spielt, finde ich, wenigstens bei dieser anderen Sache könnte ich mitmachen und vier Sätze vervollständigen. Hier sind die Sätze.
Das sollte jeder Journalist heute lernen:
Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …
In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …
So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:
Und das sind meine Antworten.
Das sollte jeder Journalist heute lernen: Das Selbstbewusstsein, dass er ein lebenswichtiges Produkt herstellt. Und das Handwerk, es ordentlich zu machen.
Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn … man es erkennen und damit leben kann, dass viele Nutzer schlauer sind als man selbst.
In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte … die Unterscheidung zwischen analog und digital so eine große Rolle gespielt hat. Es geht um den Inhalt, nicht um die Form, in der er vorliegt.
So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen: Nachrichten werden mit einem Laser auf Bratwürste tätowiert, so dass man sie vor dem Essen lesen kann. Das ist aber, wie gesagt, nur ein Modell. Es wird noch eine Million andere geben.
Großmeister Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de, macht über seinen Blog eine Umfrage unter bloggenden Journalisten. Da fühle ich mich angesprochen. Auch deshalb, weil er mich darauf angesprochen hat. Und weil selbst ich nicht machen kann, dass der VfL Bochum ordentlichen Fußball spielt, finde ich, wenigstens bei dieser anderen Sache könnte ich mitmachen und vier Sätze vervollständigen. Hier sind die Sätze.
Das sollte jeder Journalist heute lernen:
Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …
In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …
So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:
Und das sind meine Antworten.
Das sollte jeder Journalist heute lernen: Das Selbstbewusstsein, dass er ein lebenswichtiges Produkt herstellt. Und das Handwerk, es ordentlich zu machen.
Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn … man es erkennen und damit leben kann, dass viele Nutzer schlauer sind als man
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Man konnte den Eindruck haben, Lena Meyer-Landrut wäre so etwas wie eine postmediale Erscheinung, so wie es Barack Obama im US-amerikanischen Wahlkampf 2008 war, als es ihm gelang, seine Botschaft weit über die herkömmlichen Kanäle direkt zu verbreiten (damals war zum Beispiel die Entscheidung für Joe Biden als Kandidat für das Vizepräsidentenamt über eine Art SMS-Mailingliste verkündet worden, so dass seine Anhänger es praktisch vor der Presse wussten). Obama ist es gelungen, seine Botschaft, die anders war als die “Politics as usual”, ohne den Filter der Politikberichterstattung “as usual” vorbei an die Wähler zu bringen.
Die Lena-Realität ist eine andere, einfachere, auch wenn sie viel mit der Obama-Situation gemeinsam hat. Und sie war eine Lehrstunde für Medienschaffende, aus der sich einige Schlüsse ziehen lassen. Denn während Medienschaffende in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr dazu übergegangen sind, das Medium für die Botschaft zu halten, hat der Erfolg vom LML (und zwar der allgemeine Erfolg, nicht der Sieg in Oslo) einmal mehr deutlich gemacht, dass das ein Fehlglaube war und bleibt. Lena Meyer-Landrut hat auf den ganz normalen Medienkanälen triumphiert, zuletzt sogar in der Bild-Zeitung, die sich lange schwer damit tat, wie schlecht man sie im Raab-Umfeld behandelte. Die Wucht dieser unwiderstehlichen 19-Jährigen war selbst für die Mediendickschiffe zu groß, um sich ihr in den Weg zu stellen.
Das ganz große Wunder besteht offensichtlich darin, dass es eine 19-Jährige geschafft hat, sie selbst zu bleiben, obwohl sie jeden Tag auf ihre Natürlichkeit angesprochen wurde. Das ist ein Kompliment an sie, diejenigen, die sie erzogen haben und an das Team um Stefan Raab, dass ihr offensichtlich eine funktionierende Umgebung geboten hat. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen vor allem im Fernsehen dann unwiderstehlich sind, wenn sie das leben können, was sie tatsächlich sind. Da unterscheidet sich Lena nicht von Günther Jauch, Stefan Raab bei Schlag den Raab oder dem frühen Paul Potts. Es ist die Steigerung von Authentizität: Authentisch sein kann man auch, während man mit Grippe im Bett liegt oder in Untersuchungshaft sitzt. Aber authentisch zu sein, während man lebt, wofür man offensichtlich geboren wurde, ist für ein Publikum unschlagbar schön anzusehen.
Das hat ein handwerkliche Dimension: Raab hätte die große Lena-Sause gut und schlecht umsetzen können, und es hätte viel zerstört, wenn er es schlecht gemacht hätte. Der endgültige Erfolg lässt sich aber meiner Meinung nach durch Handwerk allein nicht erzwingen – in keinem Bereich.
Wir erleben zum Beispiel gerade, dass eine ganze Reihe von Verlagen Me-Too-Produkte für die in Verlagskreisen immer noch unerklärliche, fast unheimlich erfolgreiche Zeitschrift Landlust auf den Markt werfen. Und ich muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass sie alle schmerzhaft scheitern werden. Weil sie, im Gegensatz zum Original, eben nicht echt sind und es nie sein werden. Dabei können sie durchaus gut gemacht sein. Aber eine Seele lässt sich dann doch nicht kaufen, und das ist am Ende ja sogar beruhigend zu wissen.
Im Umkehrschluss für die Verlage müsste das bedeuten, dass Journalisten statt Managern wieder größeren Einfluss auf die verlegerischen Entscheidungen nehmen müssten, so wie der Vollblut-Entertainer Raab den Erfolg der deutschen Grand-Prix-Beteiligung verantwortet hat.
Tatsächlich wird in unseren Verlagshäusern aber immer noch mehr darüber nachgedacht, welche Inhalte man aufs iPad packen kann, als darüber, welche Inhalte Menschen haben wollen. Ganz so, als wäre das Medium immer noch die Botschaft. Dabei lautet das Lena-Prinzip: Wenn man an die Botschaft glaubt, dann kann man es sich sogar leisten, manche unverzichtbar wirkende Medien komplett zu ignorieren.
Man konnte den Eindruck haben, Lena Meyer-Landrut wäre so etwas wie eine postmediale Erscheinung, so wie es Barack Obama im US-amerikanischen Wahlkampf 2008 war, als es ihm gelang, seine Botschaft weit über die herkömmlichen Kanäle direkt zu verbreiten (damals war zum Beispiel die Entscheidung für Joe Biden als Kandidat für das Vizepräsidentenamt über eine Art SMS-Mailingliste verkündet worden, so dass seine Anhänger es praktisch vor der Presse wussten). Obama ist es gelungen, seine Botschaft, die anders war als die "Politics as usual", ohne den Filter der Politikberichterstattung "as usual" vorbei an die Wähler zu bringen.
Die Lena-Realität ist eine andere, einfachere, auch wenn sie viel mit der Obama-Situation gemeinsam hat. Und sie war eine Lehrstunde für Medienschaffende, aus der sich einige Schlüsse ziehen lassen. Denn während Medienschaffende in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr dazu übergegangen sind, das Medium für die Botschaft zu halten, hat der Erfolg vom LML (und zw
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Man musste schon eine Menge falsch verstehen wollen, um Horst Köhlers Ausführungen zur militärischen Notwendigkeit der Sicherung von Handelswegen auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu beziehen, aber eine Tatsache bleibt doch bestehen: Er hat Unsinn geredet. Selbstverständlich und ohne jedes Fitzelchen Relativierung dürfen deutsche Soldaten nicht in fremde Länder einmarschieren, um Handelswege zu sichern. Man kann wohl ohne Zweifel davon ausgehen, dass Köhler sich in seinen Einlassungen auf den Einsatz der Bundesmarine in den internationalen Gewässern am Horn von Afrika bezogen hat, aber gesagt hat er es nicht.
Insofern ist die Kritik darauf albern gewesen, aber sachlich nicht falsch. Auch ein Bundespräsident muss in der Lage sein, sich zu berichtigen, wenn er objektiven Stuss redet. Und darüber zurückzutreten, wehklagend über den mangelnden Respekt gegenüber seinem Amt, fordert mir nicht gerade Respekt ab. Im Gegenteil, ich finde es armselig. Der Respekt gegenüber dem Amt hätte in diesem Fall vor allem von Köhler selbst mehr verlangt.
Aber die Frage, die bleibt – nachdem von diesem Bundespräsident selbst nichts bleiben wird – ist doch, ob dieses alberne, respektlose Spielchen vom absichtlichen Falschverstehen, das Politiker und Kommentatoren quer durch die politische Farbenlehre so gerne spielen, wirklich irgendwen nach vorne bringt.
Die genau gegenläufige Option beherrschen unsere Verfassungsorgane allerdings auch: Immerhin haben wir einen Vizekanzler, der Allgemeinplätze mit der Phrase beginnt “Man wird doch wohl noch sagen dürfen.”
Man musste schon eine Menge falsch verstehen wollen, um Horst Köhlers Ausführungen zur militärischen Notwendigkeit der Sicherung von Handelswegen auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu beziehen, aber eine Tatsache bleibt doch bestehen: Er hat Unsinn geredet. Selbstverständlich und ohne jedes Fitzelchen Relativierung dürfen deutsche Soldaten nicht in fremde Länder einmarschieren, um Handelswege zu sichern. Man kann wohl ohne Zweifel davon ausgehen, dass Köhler sich in seinen Einlassungen auf den Einsatz der Bundesmarine in den internationalen Gewässern am Horn von Afrika bezogen hat, aber gesagt hat er es nicht.
Insofern ist die Kritik darauf albern gewesen, aber sachlich nicht falsch. Auch ein Bundespräsident muss in der Lage sein, sich zu berichtigen, wenn er objektiven Stuss redet. Und darüber zurückzutreten, wehklagend über den mangelnden Respekt gegenüber seinem Amt, fordert mir nicht gerade Respekt ab. Im Gegenteil, ich finde es armselig. Der Respekt gegenüber dem Amt hätte in di
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